Oktober 2025 · Woche 0
Keine echten Personen. Aber ein echtes Semester.

Das erste Semester
Wirtschaftsinformatik

Programmieren lernen, ohne je eine Zeile Code geschrieben zu haben. Woche für Woche, von Oktober bis März.

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(alles auf einer Seite)
Woche 0 · 13. Oktober

Der Stundenplan

Alex steht im Erdgeschoss des Gebäudes WE5 auf der Erba-Insel und hält einen Zettel in der Hand. Stundenplan. Bunte Kästchen, schöne Lücken. Freitag frei.

Mo
Di
Mi
Do
Fr
8–10
Einführung in die WirtschaftsinformatikISM-EidWI-B
10–12
Diskrete ModellierungInf-DM-B
Diskrete ModellierungÜbung Gr. 7
Java-ProgrammierungGAMES-Java-B
Diskrete ModellierungInf-DM-B
12–14
Einführung in die WirtschaftsinformatikÜbung
Einführung in die InformatikTutorium
14–18
Einführung in die InformatikInf-EInf-B · 14:15–17:45

22 Stunden Veranstaltungen pro Woche. Sieht machbar aus.

Eine Studentin aus der Fachschaft erklärt den Stundenplan. 22 Stunden Veranstaltungen pro Woche, dazu Übungen und Nacharbeiten. „Und Freitag ist frei?“ fragt jemand. „Freitag ist zum Nacharbeiten.“ Ein paar lachen. Nicht alle. Jemand fragt, ob man nebenbei jobben kann. Klar, sagt die Fachschaftlerin – viele machen das. Wer mehr arbeiten muss, kann auch in Teilzeit studieren, schon ab dem ersten Semester.

Alex kommt aus Hof. Anderthalb Stunden Zug, jetzt WG in Bamberg, erstes Mal eigene Wohnung. Abi im Sommer, kein Informatikkurs, kein Programmieren. Wirtschaftsinformatik, weil sie nicht rein BWL und nicht rein Informatik wollte. Im ersten Semester überlappen sich die Studiengänge.

Inf-Einf-B, die große Programmiervorlesung, steht bei allen auf dem Plan. Die WI-spezifischen Kurse kommen ab dem zweiten Semester – im ersten zählen Programmieren und Mathe.

Die Einführungstage laufen. Sie schaut sich im Raum um. Mehr Frauen als sie gedacht hätte – fast die Hälfte.

Woche 1 · 20. Oktober

Scratch und das Setup

Die erste Woche fühlt sich nicht nach Informatik an. Sie fühlt sich nach Spielen an.

Montag, 14:15. Der Hörsaal ist voll. Der Prof steht vorne und zerreißt ein Telefonbuch. Mit den Händen. Irgendwas mit Algorithmen und Divide and Conquer, die Erklärung kommt später im Semester, sagt er. Ein paar Leute filmen mit ihren Telefonen.

In der zweiten Reihe stellt jemand eine Frage zur Laufzeit. Alex versteht gar nichts. Der Prof antwortet, ein paar Leute nicken. Alex nickt nicht.

Die hat bestimmt vorher schon mal programmiert.

Dann: Scratch. Bunte Blöcke zusammenschieben, eine Katze bewegt sich über den Bildschirm. Alex baut nebenher ein Spiel, in dem ein Ball von Wänden abprallt. Es funktioniert – sofort.

Jemand neben ihr hat ein Spiel mit drei Figuren und Soundeffekten. Alex schaut kurz rüber und dann wieder auf ihren Ball.

Okay. Bestimmt vorher schon mal gemacht. Aber meines funktioniert auch.

Woche 1: C. Und damit das erste echte Problem, das nichts mit Informatik zu tun hat: VS Code installieren. Der Prof hat gesagt, eine lauffähige Entwicklungsumgebung braucht man sofort, nicht irgendwann. Alex lädt VS Code runter, installiert es, irgendetwas mit Extensions, ein Terminal das sich nicht öffnet, eine Fehlermeldung die auf ein fehlendes Tool verweist, dann noch eine. Zwei Stunden. Am Ende hat sie ein halb installiertes VS Code auf dem Rechner, das nicht kompiliert. Im TutoriumKleine Gruppe, ein älterer Student leitet. Hier stellst du die Fragen, die du dich in der Vorlesung nicht traust. ist die Hölle los, der Tutor hat genug mit anderen zu tun, die dasselbe Problem haben. Neben ihr flucht jemand leise auf sein Terminal – dieselbe Fehlermeldung. Später wird sie erfahren, dass das Mika war.

Der Prof hat einen Ausweg erwähnt: GitHub Codespaces. Editor im Browser. Alex klickt auf den Link, loggt sich ein, tippt make hello, und es kompiliert. Endlich Code schreiben statt Werkzeuge reparieren. Drei Wochen später zeigt ihr Juri aus dem Tutorium, wie man VS Code richtig aufsetzt. Bis dahin läuft alles im Browser.

Die erste echte Übung: ein Programm, das eine Pyramide aus Rauten zeichnet. Alex sitzt vier Stunden dran. Die Schleife ist fast richtig. Fast. Eine Zeile zu viel. Sie ändert etwas, macht es schlimmer, ändert es zurück, macht es anders schlimmer. Nach vier Stunden: Laptop zu. Für heute reicht's.

Nächster Tag, Tutorium. Der Tutor schaut drauf, zeigt auf Zeile 1: „Da. Kleiner-als statt kleiner-gleich.“

Siehst du es? Klick auf das rote Feld in Zeile 1 und ändere den Operator:

mario.c
1for (int i = 0; i  height; i++) {
2 for (int j = 0; j < height - 1 - i; j++)
3 printf(" ");
4 for (int j = 0; j < i + 1; j++)
5 printf("#");
6 printf("\n");
7}
Ausgabe

            
check50

Ein Zeichen. Eine Minute.

Alex · Abends
Vier Stunden für ein Kleiner-als-Zeichen. Der Tutor hat eine Minute gebraucht. Ich glaub ich hasse ihn ein bisschen. Aber das Ding ist grün.

Zuhause. Fix eingebaut. check50 zeigt grün. Alles grün.

Abends in der WG-Küche. Alex erzählt von der Übung. Ihre Mitbewohnerin schaut hoch: „Vier Stunden für ein Zeichen?“

„Ja, vier Stunden. Versuch's doch einfach mal selbst!“

Woche 2 · 27. Oktober

Parallel läuft Diskrete Modellierung. Mengen, Relationen, Beweise. In der Schule war Mathe das Fach, das Alex durchgestanden hat – Formeln einsetzen, Ergebnis ausrechnen, abhaken. Das hier fühlt sich anders an. Beweis durch vollständige Induktion. Alex liest die Aufgabe dreimal. Beim dritten Mal klickt die Struktur: Basisfall, Annahme, Schritt. Wie eine Vorlage, der man folgen kann. Sie schreibt die drei Teile hin. Beim dritten ist sie unsicher, ob die Umformung stimmt. Aber die Logik hat eine Richtung – das ist anders als Code, der einfach abstürzt, ohne zu sagen warum.

In der Vorlesung hat der Prof einen Satz gesagt, der hängen bleibt: „Wer die Übungen selbst macht, besteht die Klausur.“ Alex nimmt es zur Kenntnis. Einordnen kann sie es noch nicht.

Woche 3 · 3. November

In Diskreter Modellierung rechnet Alex die erste Übung nochmal durch. Beim zweiten Mal sieht sie, wo der Induktionsschritt hakt – sie hat die Annahme nicht richtig eingesetzt. Diesmal stimmt's. Das Gefühl, wenn ein Beweis aufgeht, ist anders als wenn Code grün wird. Leiser, aber ähnlich gut.

Abends in der WG-Küche erklärt ihre Mitbewohnerin, sie kaufe nur noch Bio, weil ihre Freundin seit der Umstellung nicht mehr krank gewesen sei. Alex denkt: Das ist wie ein Beweis, der nur in eine Richtung geht. Eine Person, kein Kontrollfall, und vielleicht war der letzte Winter einfach mild. Sie öffnet den Mund, klappt ihn wieder zu. Manche Abendessen gewinnt man nicht mit Logik.

Wie sieht eine volle Woche wirklich aus?
Woche 4 · 10. November

Woche 4. In echt.

Zoom: eine ganze Woche.

Thema: Memory und Pointer. Übung 3 steht an. Wer sie vor dem Tutorium hochlädt, bekommt danach den Link zur Musterlösung.

Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
8–10
Shorts1h
EidWIVorlesung
10–12
DMVorlesung
DMÜbung
JavaVorlesung
DMVorlesung
12–14
EidWIÜbung
Inf-Einf-BTutorium
14–18
Inf-Einf-BVorlesung
Inf-Einf-B ÜbungC: Pointer → erster Anlauf
Inf-Einf-Bnachprogrammieren
DM Aufgaben
Inf-Einf-B Übungdritter Anlauf → grün!
Abends
Java Aufgaben
EidWI Aufgaben
BookletNotes + Shorts · 3h

Hinter ihr im Hörsaal hat jemand erzählt, er macht die C-Übung nächste Woche. Alex kann den Plan nachvollziehen. Aber nächste Woche ist neuer Stoff.

Nicht alles geschafft. Weitermachen.

Am Wochenende davor war WG-Einweihung – drei WGs zusammen, Küche voll, es wurde spät. Die Übung vom Montag hat Alex erst am Montagmorgen hochgeladen, zwei Stunden vor der Deadline.

Dienstagabend, 23 Uhr. Zwei Tabs offen. Links: DM-Aufgabe, Äquivalenzrelationen. Rechts: C-Übung, Pointer. Beides sollte sie bis morgen fertig haben. Beides schaffen geht nicht. Alex macht die DM-Aufgabe. Dann die C-Übung: der erste Teil ist eine Funktion, die prüft, ob ein String ein Palindrom ist. Pointer auf den Anfang, Pointer auf das Ende, Buchstabe für Buchstabe vergleichen. Es funktioniert. Vor drei Wochen konnte sie keine Schleife schreiben, jetzt schreibt sie Funktionen mit Pointern.

Den zweiten Teil – denselben String in place umkehren – fängt sie an, lädt den halbfertigen Code hoch. Nicht perfekt. Aber sie will die Musterlösung sehen, und dafür muss der Upload vor dem Tutorium rein.

Nicht perfekt. Aber drin. Und der erste Teil funktioniert.

Dazu kommen Java-Programmierung – die baut auf denselben Grundlagen auf wie Inf-Einf-B, das läuft – und die Einführung in die Wirtschaftsinformatik, kurz EidWI, samt Übungen.

Woche 5 · 17. November

Die Wand

Pointer vertieft. Hier wird es ernst.

In der Vorlesung zeigt der Prof mit einem riesigen Schaumstoff-Finger auf Kisten in einem Regal. Das soll Speicher sein. Der Saal lacht. Alex lacht auch, und das Bild bleibt hängen. Aber zuhause am Rechner: malloc, Sternchen, Ampersand. Der Schaumstoff-Finger zeigt in ihrem Kopf ins Leere.

Die Übung will, dass sie einen String Buchstabe für Buchstabe umkehrt. Ohne zweiten String. Pointer auf den Anfang, Pointer auf das Ende, tauschen. Sie schreibt:

char *p = s;
char *q = s + strlen(s) - 1;

Dann *p = *q. Der alte Wert ist weg. Temporäre Variable. char tmp = *p. Zusammengetippt, kompiliert. Segmentation fault.

Mittwochabend. Alex sitzt in ihrem WG-Zimmer. Der Code tut nichts außer abstürzen. Irgendwann: Laptop zu. Für heute reicht's.

Donnerstagmorgen. Kaffee, Editor auf, derselbe Code. Sie liest die Fehlermeldung nochmal, langsam. char *s = "hello" – String-Literal, read only. Steht in den Slides von Woche 5, die sie gelesen hat, nur nicht kapiert. Sie ändert zu char s[] = "hello". Kompiliert. Läuft.

Zehn Minuten. Für etwas, das gestern Abend aussah wie eine Wand.

Alex · Woche 5
Gestern Abend war ich sicher, dass alle anderen das können und ich nicht. Heute früh war's ein Buchstabe. Zwei eckige Klammern statt einem Sternchen. Manchmal muss man einfach aufhören und am nächsten Tag nochmal draufschauen.
Woche 6 · 24. November

Und es hört nicht auf. Der Kurs heißt „Einführung“, aber eingeführt wird in alles gleichzeitig. Neben dem Programmieren kommen Sortieralgorithmen, Komplexitätsanalyse, Stacks, Hash Tables. In der Vorlesung erklärt der Prof, warum Bubble Sort langsam ist und Merge Sort schnell, und erklärt das mit einer O-Notation. Alex schreibt mit, versteht es halb. Im Tutorium wird sie es anwenden. Da wird es hoffentlich klarer.

Alex hat eine Lerngruppe. Nicht geplant, sondern aus dem Tutorium rausgewachsen. Sie, Mika und Juri, dienstags in der Bib. Mika behauptet, Pointer seien „im Grunde nur Zettel mit Hausnummern drauf.“ Juri sagt das sei Quatsch, Pointer seien Pfeile. Die beiden diskutieren fünf Minuten darüber, welche Analogie stimmt. Alex sagt: „Mir ist egal, wie ihr das nennt, solange mein Code kompiliert.“ Dann erklärt Mika es nochmal mit den Hausnummern und diesmal versteht Alex, warum *p etwas anderes ist als p. Juris Erklärung vorhin war tatsächlich Quatsch, aber er hat es erst gemerkt, als er Mika widersprechen wollte.

So laufen die Dienstage. Manchmal hilft es, manchmal sitzt man zu dritt vor demselben Fehler und keiner sieht ihn. Aber es ist anders als alleine. Alleine denkt Alex, sie versteht es als Einzige nicht. Zu dritt sieht sie, dass alle drei suchen.

Alex · Woche 6
Jeden Montag ein neues Thema oben drauf. Letzte Woche Pointer, diese Woche Sortieren, nächste Woche Datenstrukturen. Dazu auch noch DM. Und Java. Und EidWI. Und schlafen wär auch nett.

Mittwochmorgen, Einführung in die Wirtschaftsinformatik. Ganz anderer Stoff, ganz anderes Tempo. Diese Woche: Zara. Nicht die Klamotten – das Unternehmen als System. Wie Zara es schafft, in fünfzehn Tagen von der Idee zum fertigen Kleidungsstück im Laden zu kommen, während die Konkurrenz Monate braucht. Keine billige Massenware, sondern IT-gestützte Lieferketten, Echtzeitdaten aus den Filialen, eigene Fabriken statt Outsourcing. In der Übung zerlegen sie den Fall: Warum kann Gap das nicht einfach nachmachen? Welche Rolle spielen die Informationssysteme? Alex kennt Zara. Sie hat selbst da eingekauft. Aber dass hinter dem Laden ein System steckt, das man analysieren und verstehen kann – das war ihr nicht klar.

Ein Laden, in dem ich einkaufe, erklärt mit Methoden, die ich gerade lerne. Das ist also Wirtschaftsinformatik.
Die Vorlesung, die Alex besucht → inf.zone
Woche 7 · 1. Dezember

Im Tutorium sitzt Alex neben einem Ersti, der immer noch bei for-Schleifen hängt. Woche 7, und er fragt, warum i bei 0 anfängt. Sie erklärt den Index, die Abbruchbedingung, das i++. Dann schaut sie auf seinen Code. i <= length statt i < length. Sie zeigt drauf: „Da. Kleiner-als statt kleiner-gleich.“

Er starrt auf den Bildschirm. Ein Zeichen.

Hoffentlich hasst er mich jetzt nicht.

Vor vier Wochen hat sie selbst im Tutorium den Tutor gefragt, warum ihre Schleife eine Zeile zu viel ausgibt.

Alex schreibt die erste Seite ins BookletSieben Seiten, handgeschrieben, eigene Worte. Das Einzige, was du neben dem Laptop in der Klausur aufschlagen darfst.. Ein Satz: „String-Literal ist read only → char s[] statt char *s.“ Darunter ein Codebeispiel, drei Zeilen. Nicht viel, aber eigene Worte.

Mitte der Woche merkt Alex, dass sie platt ist. Eine Vorlesung lässt sie ausfallen. Mika schreibt: „Alles klar bei dir?“ – „Platt.“ Mika schickt einen Zeitvorschlag. Freitag, Bib, 14 Uhr. Alex geht hin. Nicht viel geschafft an dem Tag, aber da gewesen.

Am Wochenende fährt sie den Laptop hoch. Die aktuelle Übung fängt sie an.

In der Vorlesung schaut Alex sich um. Der Hörsaal ist nicht mehr so voll wie im Oktober. Aber Alex sitzt in der dritten Reihe, Laptop auf, Booklet daneben.

Ich versteh die Hälfte. Aber ich bin noch da.
Woche 8 · 8. Dezember

Die zweite StudienleistungHausaufgabe, oft im Team, gibt Bonuspunkte in der Klausur. in Diskreter Modellierung. Alex sitzt in der Bib und schreibt einen Induktionsbeweis zum dritten Mal auf. Beim ersten Mal hat der Induktionsschritt nicht gestimmt. Beim zweiten Mal die Annahme. Beim dritten Mal liest sie es von oben nach unten durch – Basisfall, Annahme, Schritt – und es hält. Sie gibt ab.

Kein grüner Haken, kein check50. Aber es hält. Das reicht.

Dazu Booklet-Seiten 3 und 4 für Inf-Einf-B. Und die erste EidWI-Studienleistung: ein fiktives Unternehmen, das vor einer IT-Transformation steht. Alex bearbeitet den Fall mit Mika und Juri – welche Systeme gibt es, welche Strategie passt, was würden sie dem Führungsteam empfehlen. Wie der Zara-Fall aus der Vorlesung, nur größer und mit Abgabetermin. Die Tage werden kürzer, der Kalender voller.

Woche 9 · 15. Dezember

Weihnachtspause

Dezember · Luft holen.

Vor Weihnachten passiert etwas Gutes. Python beginnt. Kein malloc, keine Semikolons, keine Pointer. Die erste Übung: ein Programm, das Texte nach Schwierigkeitsgrad einstuft. Sätze zählen, Wörter zählen, Buchstaben zählen, in eine Formel einsetzen. Alex tippt los und es funktioniert einfach. Kein Segmentation fault, kein Speicher, der irgendwo hinzeigt. Zwei Stunden, dann grün.

Alex kippt sich auf dem Stuhl zurück und grinst. In C hätte das einen ganzen Abend gedauert. In Python fühlt es sich an wie Zauberei – drei Zeilen, und das Programm macht, was es soll. Das check50-Gefühl, das seit Woche 5 selten geworden war, ist wieder da.

Und Python bringt neue Themen mit. Objektorientierung: Klassen, Vererbung, Methoden. Funktionale Programmierung: map, filter, Lambda-Ausdrücke. Viele kleine Details, die sich nicht von selbst erschließen. Alex hat keine Lust, das alles auswendig zu lernen. Also schreibt sie es ins Booklet: wann self, wie man eine Liste mit List Comprehension filtert, was ein Decorator macht. Eigene Beispiele, eigene Wörter. Das Booklet wird dicker.

In der letzten Vorlesung vor der Pause programmiert der Prof live ein kleines Starcraft-artiges Spiel in Python. MicroCraft. Weihnachtliche Explosionseffekte, wenn die Einheiten zerstört werden. Der Hörsaal lacht. Aber Alex kann dem Code folgen. Sie sieht, was die Schleifen machen, wie die Sprites sich bewegen, wo die Kollisionserkennung sitzt. Vor zehn Wochen hat sie kein einziges Programm verstanden. Jetzt liest sie Code, den jemand live tippt, und es ergibt Sinn.

Das ergibt alles Sinn. Ich kann das lesen.
Woche 10 · 22. Dezember

Weihnachtsschließung: 23. Dezember bis 6. Januar. Alex fährt nach Hof. Anderthalb Stunden Zug, Laptop im Rucksack. Nachholen muss sie nichts. Die Übungen sind gemacht, der Stoff ist nicht im Rückstand.

Am Küchentisch fragt ihr Vater: „Und, wie läuft's mit dem Studium?“ Alex sagt: „Anstrengend. Aber läuft.“ Er fragt weiter. Sie erzählt von der Webseite, die im Januar drankommt, und dass sie überlegt, was sie als Projekt bauen könnte. Eine App, die Zugverbindungen anzeigt. Oder was mit Rezepten. Noch keine Ahnung. Aber die Idee, etwas Eigenes zu bauen, das im Internet steht – das gefällt ihr.

Kein schlechtes Gewissen.

Woche 11 · 29. Dezember

Zwischen den Jahren. Ruhig. Auf dem Handy kommt am 30. Dezember eine Notification von der Kursplattform: neue Kurzvideos online. Sie wischt sie weg. Alex hat den Laptop dabei, klappt ihn aber nicht auf. Es passiert nichts Schlimmes, wenn man eine Woche lang nicht an Code denkt.

Woche 12 · 5. Januar

Alles gleichzeitig

Januar–Februar · Falscher Frühling und echter Druck.

7. Januar. Neues Thema: HTML, CSS, JavaScript. Und zum ersten Mal im Semester baut Alex etwas, das sie jemandem zeigen kann, der nicht programmiert. Eine Webseite. Farben, Layout, Animation.

Woche 13 · 12. Januar

Dann Flask: ein Python-Framework für Webanwendungen. Formulare, Login, Daten aus CSV-Dateien lesen und anzeigen. Alex baut Teile davon nach. Nicht alles, nicht perfekt, aber es läuft auf ihrem Laptop wie eine echte App.

Woche 14 · 19. Januar

Am 22. Januar die dritte Studienleistung in Diskreter Modellierung – diesmal am Laptop, neunzig Minuten. Mengenbeweise, eine Relation auf Eigenschaften prüfen, ein Induktionsbeweis. Alex hat Altklausuren gerechnet, und die Aufgabentypen wiederholen sich. Nach siebzig Minuten ist sie fertig. Prüft nochmal. Gibt ab.

Am selben Tag Booklet Seite 5. Am nächsten Tag Seite 6. Die zweite Wirtschaftsinformatik-Studienleistung war gestern. Alles kommt gleichzeitig, aber es läuft.

Woche 15 · 26. Januar

Projektanmeldung: 27. Januar. HackathonEin Nachmittag und Abend, alle arbeiten zusammen an ihren Projekten. Pizza, Code, Chaos. am 30. Januar, nachmittags und abends. Alle kommen, um an ihren Projekten zu arbeiten und sich auf die Messe vorzubereiten. Der Prof ist da, ein paar Tutoren, Leute vom Lehrstuhl. Alex baut mit Mika und Juri eine Seite, die Länderdaten visualisiert – Bevölkerung, Fläche, BIP, auf einer Weltkarte.

Woche 16 · 2. Februar

Projektmesse. Die Seite läuft unter einer echten Domain. Ein Teil des Codes stammt von ChatGPT. Aber als der Prof an ihren Stand kommt und fragt, warum sie die API so eingebunden hat, kann Alex es erklären. Sie hat verstanden, was der Code macht, weil sie Flask im Kurs Zeile für Zeile durchgearbeitet hat.

Abends in der WG-Küche. Alex' Mitbewohnerin sieht, wie Alex auf ihrem Handy die Seite offen hat, bleibt hängen: „Hey, coole Seite. Schick mal den Link.“ Alex schickt ihn. Die Mitbewohnerin schaut hoch: „Warte – das ist von dir? Ich dachte, das ist irgendeine Webseite.“

Alex · 2. Februar, abends
Die hat echt nicht gemerkt, dass das nur ein Uni-Projekt ist.

Ein paar Tage später setzt sich Alex an den Küchentisch und übt ohne ChatGPT. Leerer Editor, Flask-Route schreiben. @app.route("/login"), dann def login():. Dann steht der Cursor. Wie liest man die Eingaben aus dem Formular aus? Halb gewusst, halb nachgeschlagen im Booklet: request.form.get(). Redirect nach dem Login. Fehlermeldung, wenn das Passwort nicht stimmt. Zeile für Zeile, langsam, mit Nachschauen. Aber es geht.

In der Klausur gibt es kein ChatGPT. Kein Internet. Drei Stunden, ein Laptop, ein Booklet. Alex übt so, wie sie schreiben wird.

Woche 17 · 9. Februar

Montagmorgen: die Wirtschaftsinformatik-Klausur. Fallstudien, Prozessmodelle, die Grundlagen aus dem ganzen Semester. Alex erkennt die Aufgabentypen aus den Übungen wieder. Anderthalb Stunden, dann raus. Lief solide.

Abends: Booklet Seite 7, die letzte. Dann Kalender aufklappen, Tage zählen. DM am 19., Projektabgabe am 20. Dann drei Wochen Luft bis Inf-Einf-B am 11. März und Java am Tag danach.

Noch drei Klausuren. Dazwischen Projektabgabe. Wer hat sich diesen Kalender ausgedacht.
Woche 18 · 16. Februar

DM am Donnerstag. Juri kennt jemanden aus der Fachschaft – die sammeln Altklausuren und geben sie an Erstis weiter. Alex rechnet sie durch. Die Aufgabentypen wiederholen sich: Mengenbeweise, Relationen prüfen, Induktion. Das Muster sitzt inzwischen. Nach einem Semester mit Beweisen fühlt sich die Klausur an wie eine Übung, nur länger.

Gleichzeitig Projektabgabe am Freitag: der Code muss laufen. Nicht perfekt, aber laufen. Alex sitzt den Abend vorher nochmal dran, fixt einen Bug in der Filterlogik, lädt hoch.

Woche 19 · 23. Februar

Zwei geschafft, zwei fehlen noch! Wirtschaftsinformatik und Diskrete Modellierung waren gut machbar. Was bleibt, ist die große Klausur: Inf-Einf-B am 11. März. Java direkt am Tag danach – aber das meiste kommt aus dem Semester, extra lernen muss Alex dafür kaum. Zum ersten Mal seit Wochen hat der Kalender nur ein Ziel.

Woche 20 · 2. März

Noch eine Woche bis zur Inf-Einf-B-Prüfung. Booklet durchgehen, alte Übungen nochmal lösen, die Kurzvideos schauen, die sie im Dezember weggeklickt hat. Alex merkt, dass sie vieles wiedererkennt. Nicht alles. Aber die Grundstruktur sitzt.

Noch neun Tage. Das ist machbar. Glaube ich.
Woche 21 · 11. März 2026

180 Minuten

Am Laptop. Kein Internet. Dein Booklet und dein Wissen.

Eine riesige Halle in der Kapellenstraße. Bestimmt mehr als 200 Laptops in Reihen. Rucksäcke an der Wand. Handys müssen in den Taschen verstaut sein. Ein Zettel mit der Login-Kennung, ein Laptop, Alex' Booklet. Sonst nichts.

Vorne stehen der Prof und zwei Tutoren an einem Laptop und diskutieren leise. Der Prof zeigt auf den Bildschirm, einer der Tutoren nickt. Auch die sind angespannt. Alex ist nervös. Kaffee, kein Frühstück.

Die E-PrüfungKein Papier, kein Multiple Choice. Du sitzt am Laptop und schreibst echten Code. Der muss funktionieren. fragt nicht nach Definitionen. Du musst Programme schreiben, Code analysieren, Probleme lösen. In C, Python, Flask, HTML, CSS, JavaScript. Der Code muss funktionieren.

Aufgabe 1 in der Klausur

Implementieren Sie ein Kommandozeilenprogramm in C, das einen Text verschlüsselt. Das Verfahren funktioniert ähnlich wie die Caesar-Chiffre, die Sie bereits kennen, aber mit einem Schlüsselwort:

H   A   L   L   O
7   0   11  11  14
B   I   B   E   R
1   8   1   4   17
------------------
I   I   M   P   F
8   8   12  15  5

Buchstaben werden Zahlen zugeordnet: A=0, B=1, ... Z=25. Die Zahlen an gleicher Position addiert. Bei Überlauf: Modulo 26.

Alex erkennt das Prinzip. Wie Caesar, nur mit Schlüsselwort. Caesar war Woche 2. 'H' - 'A' ergibt 7. Das hat sie damals selbst geschrieben, und im Booklet steht die Char-Arithmetik in eigenen Worten, mit dem Fehler, den sie gemacht hat (Groß- und Kleinbuchstaben vergessen), und dem Fix.

Sie tippt. #include <stdio.h>. Eine for-Schleife über den Klartext. Aber das Schlüsselwort ist kürzer als der Text. Modulo für die Schlüsselposition. Modulo für die Buchstaben-Arithmetik. Zwei verschiedene Modulo-Operationen in derselben Schleife.

Erster Versuch: kompiliert, Output falsch. Ein Index verrutscht. Alex schaut ins Booklet. Die Seite von Woche 4, wo sie notiert hat, wann i bei 0 anfängt und wann bei 1. Sie findet den Fehler. Zweiter Versuch. Funktioniert. Zwanzig Minuten.

Die nächsten Aufgaben: Theorie, JavaScript, Flask, Python. Manches geht gut, manches ist zäh. Bei einer Frage zu Hash-Kollisionen fehlt ihr der Booklet-Eintrag – sie schreibt hin, was sie sich aus der Vorlesung zusammenreimen kann. Eine Python-Aufgabe klappt nicht ganz, sie schreibt als Kommentar ihre Idee hin. Besser als leer.

Alex gibt 15 Minuten vor Schluss ab. Bei manchen Aufgaben eine Lösung, bei manchen einen Ansatz. Mehr geht nicht. Sie steht auf, geht durch die Reihen, sieht Leute die noch tippen. Draußen im Flur stehen ein paar andere. Niemand redet viel.

Alex · Draußen
Die Hash-Frage. Das stand in den Lecture Notes. Ich hab es mir nicht aufgeschrieben. Platz wär auf der Seite ja auch noch gewesen. Na toll. Nächstes Mal schreib ich alles rein. Alles.
Wirtschaftsinformatik an der Uni Bamberg → uni-bamberg.de/ba-wi
21 Wochen bis zur Klausur
Eine Woche später

Ergebnis

Sieben Tage nach der Klausur kommt die Note. Schneller als Alex erwartet hätte. Sie sitzt am Küchentisch in der WG, Laptop offen, eigentlich gerade bei etwas anderem. Sie klickt auf die Mail. Liest die Zeile. Liest sie nochmal.

Bestanden.
Beim ersten Versuch. „Wer die Übungen selbst macht, besteht die Klausur“ – der Satz aus der zweiten Woche. Alex hat jede Übung gemacht. Nicht jede perfekt. Aber jede.

Sie klappt den Laptop zu und bleibt sitzen. Aus dem Zimmer nebenan läuft der Fernseher der Mitbewohnerin. Draußen hupt jemand. Alex sitzt am Tisch und atmet aus.

Auf der Kursseite gibt es eine Online-Einsicht. Alex kann ihre Antworten sehen, die Korrekturhinweise, eine Musterlösung. Sie klickt sich durch. Die Vigenère-Aufgabe: volle Punkte. Die Hash-Frage: halbe Punkte für den Ansatz, der Rest fehlt. Die rekursive Python-Aufgabe: ihr Kommentar mit der Idee hat tatsächlich zwei Teilpunkte gebracht. Die Flask-Route: fast richtig, ein Fehler im Template. Sie sieht genau, wo die Punkte liegen geblieben sind. Nächstes Mal wüsste sie, was ins Booklet gehört.

· · ·

Mika hat bestanden. Juri nicht. Nicht weil er es nicht konnte – die Pointer-Erklärung mit den Pfeilen war zwar falsch, aber er hat danach den besten Code der Gruppe geschrieben. Nur ist der Rückstand bei den Übungen irgendwann zu groß geworden. Juri hat sich auf DM und die anderen Klausuren konzentriert und Inf-Einf-B auf den Zweitversuch geschoben.

Alex schreibt ihm: „Zweitversuch ist Mitte April. Soll ich dir meine Übungslösungen schicken? Die alten check50-Ergebnisse sind alle noch da.“

Juri antwortet eine Stunde später: „Ja, gerne. Bin schon dran.“

Am Abend sitzt Alex auf dem Balkon. Es ist Mitte März, noch zu kalt dafür, aber die Sonne ist da. Fünf Monate. Von Scratch zu einer Webseite unter eigener Domain. Von VS Code, das nicht startet, zu einer bestandenen Klausur an einem Laptop ohne Internet. Alex hat viele Dienstage in der Bib gesessen und sich von Mika Pointer erklären lassen. Sie hat Übungen halb fertig hochgeladen, weil halb besser war als nichts.

Vielleicht bin ich nicht so gut darin. Vielleicht muss man das aber auch nicht sein.
Sommersemester

Nächstes Semester

Neue Kurse. Neuer Stoff. Mathe, Statistik – und „Entwicklung von Anwendungssystemen“, der erste richtige WI-Kurs. Seit dem Zara-Fall fragt sich Alex, wie man solche Systeme eigentlich baut. Jetzt kommt die Antwort. Wieder viel, wieder anders.

Dienstags, WIAI Study Space, 16 Uhr. Mika ist da. Juri auch – den Zweitversuch im April hat er bestanden, knapp, aber durch. Die erste Vorlesung heute war eigentlich ganz harmlos. Alex kennt das. Mal schauen, wann da das Tempo anzieht.

Der Stundenplan sieht wieder gut aus. Viele Lücken. Freitag ist wieder frei.

Alex klappt den Laptop auf.

Fachschaft WIAI → uni-bamberg.de/wiai/fs WIAI Study Space → uni-bamberg.de/wiai/fs/study-space Fragen? → Fachstudienberatung WIAI

Eine Geschichte über das erste Semester im Fach Wirtschaftsinformatik an der Fakultät WIAI der Universität Bamberg.